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II Thesen und Prinzipien

1.  11 x Krankheit

1)  Krankheit ist Voraussetzung und Resultat der kapitalistischen Produktionsverhältnisse.*

2)  Krankheit ist als Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse die Produktivkraft für das Kapital.

3) Als Resultat der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist Krankheit in ihrer entfalteten Form als Protest des Lebens gegen das Kapital die revolutionäre Produktivkraft für die Menschen.

4) Krankheit ist die Form, unter der "Leben" im Kapitalismus allein möglich ist.

5) Krankheit und Kapital sind identisch: In dem Umfang, in dem totes Kapital akkumuliert wird – ein Vorgang, der mit Vernichtung menschlicher Arbeit, sogenannter Kapitalvernichtung, Hand in Hand geht – nimmt die Verbreitung und Intensität von Krankheit zu.

6) Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse beinhalten die Verwandlung lebendiger Arbeit in tote Materie (Waren, Kapital). Krankheit ist der Ausdruck dieses ständig weiter um sich greifenden Prozesses.

7) Krankheit ist als verschleierte Arbeitslosigkeit und in der Form der Sozialabgaben der Krisenpuffer im Iatrokapitalismus.**

8) Krankheit ist in ihrer unentfalteten Form als Hemmung das innere Gefängnis des Einzelnen.

9) Wird Krankheit der Verwaltung, Verwertung und Verwahrung in den Institutionen des Gesundheitswesens entzogen, und tritt sie in Form des kollektiven Widerstands der Patienten in Erscheinung, so muß der Staat eingreifen und das fehlende innere Gefängnis der Patienten durch äußere, "richtige" Gefängnisse ersetzt werden.

10) Das Gesundheitswesen kann mit Krankheit nur unter der Voraussetzung der totalen Rechtlosigkeit der Patienten umgehen.

11) Gesundheit ist ein biologistisch-nazistisches Hirngespinst***, dessen Funktion in den Köpfen der Verdummer und Verdummten dieser Erde die Verschleierung der gesellschaftlichen Bedingtheit und gesellschaftlichen Funktion von Krankheit ist.

*Wir sind uns darüber im Klaren, daß Krankheit älter ist als der Kapitalismus ("Das Elend ist älter als der Kapitalismus" – W. Reich). Krankheit ist das Resultat von Herrschaft – Gewalt von Menschen gegen Menschen – diese entsteht mit dem Privateigentum.

W. Reich hat anhand der Untersuchungen Malinowskis den Übergang von der matriarchalischen zur patriarchalischen auf Privatbesitz sich gründenden Sozialordnung aufgezeigt (W. Reich "Einbruch der Sexualmoral"). Er stellt dort ausführlich dar, wie triebeinschränkende Mechanismen als Folge der Entstehung des Eigentums sich entwickeln. Und dadurch dann – "modern gesprochen" – Neurosen, Perversionen und sonstige körperliche Krankheitserscheinungen entstehen. Der Reich’sche Ansatz ist vor allem erkenntnistheoretisch ungeheuer wichtig, weil er ganz klar und treffend jede "erbgenetische Theorie" der Neurosen und Psychosen widerlegt und ihren Zusammenhang mit den Besitzverhältnissen aufzeigt. Die Aufhebung der Krankheit fällt mit der Aufhebung des Privatbesitzes an den Produktionsmitteln zusammen (vergleiche Marx, Entfremdungstheorie). Nicht umsonst haben wir Krankheit an anderer Stelle als in sich gebrochenes Leben bestimmt.

** Krisenpuffer:

a) "Kosten" der Krankheiten: An der freien Universität von Yale, Berkeley und Havard sind die Kosten einzelner Krankheiten unter Berücksichtigung der verlorenen Arbeitstage, den Aufwendungen für ärztliche Leistungen, den zu leistenden Zuwendungen an Familienmitglieder eines Erkrankten und den Änderungen der individuellen Konsumgewohnheiten direkt und indirekt Betroffener errechnet worden. Danach entstand im Jahre 1954 durch 734 669 Krebsfälle ein "Verlust" von 2 222 000 000 Dollar, das macht 3 024 Dollar pro Fall ("Verlust" heißt natürlich Verlust für die Wirtschaft). Bei Tuberkulose machen 94 984 Fälle einen Verlust von 724 000 000 Dollar = 7 622 Dollar pro Fall (Zahlen nach Jean-Claude Polack, "La Médecine du Capital", Paris 1971, S. 36).

Polack führt weiter aus, daß sich die amerikanische Zivilisation die totale Ausrottung der Tuberkulose nicht leisten kann, ohne die Wirtschaftsstrukturen in Frage zu stellen (a.a.O., S. 36/37).

b) Verflechtung von Gesundheitswesen und pharmazeutischer Industrie: Die chemisch-pharmazeutische Industrie ist ein Produktionssektor, der seine Zirkulationssphäre in den Einrichtungen des Gesundheitswesens hat. Absatzkrisen in diesem Produktionssektor führen zwangsläufig zur Notwendigkeit, den Absatz über die Kassen und Ärzte zu intensivieren (z.B. durch Werbung in Fachzeitschriften); oder aber der Patient wird direkt über die Ausschaltung des ärztlichen Sektors durch ein riesiges Werbeangebot rezeptfreier Medikamente zur Abhängigkeit gebracht; die Industrie wird zum Arzt.

c) Optimierung der Ausbeutbarkeit der Ware Arbeitskraft.

d) Von den Arbeitern gezahlte Sozialversicherungsbeiträge dienen dem Staat als Fonds für Investitionshilfen an die Wirtschaft.

*** Die Faschisten pervertieren und korrumpieren alle revolutionären Werte (siehe auch R. Reiche, "Sexualität und Klassenkampf"). Krankheit als revolutionäre Produktivkraft muß vernichtet werden. Das Bedürfnis des Einzelnen nach Leben wird zum biologistischen Lebensprinzip, zum gesunden, "lebenswerten", weil verwertbaren Leben pervertiert. Alles was nicht darunterfällt, ist vorgemerkt für die Massenvernichtung in Form von Differentialeuthanasie. Diese Perversion kommt darin zum Ausdruck, daß Gesundheit als Ausbeutbarkeit im Bewußtsein des Einzelnen als Wohlbefinden erscheinen soll und erscheint.

Unterliegt die Psychiatrie und das Gesundheitswesen im allgemeinen vielleicht inneren Zwängen und Widersprüchen, die sie als Bestandteile des kapitalistischen Staatsapparats gelegentlich krisenhaft nötigen, die Kranken zu verteufeln, etwa sie als überflüssige – für "Forschung und Lehre" hinderliche – Fresser, Faulenzer, gewalttätige und gemeingefährliche Irre, Wildwuchs, Futter für Knast und Gaskammer "marktreif" zu machen? Trifft dies zu, dann wäre auch mit der Erscheinungsform des Gegenteils zu rechnen, daß nämlich für die Kranken als die guten, die fleißigen, kurz als die besseren Menschen Werbung betrieben wird – Identität der Gegensätze.

2.  Drei Ausgangspunkte der SPK-Praxis

I. Wir sind davon ausgegangen, daß jeder Patient in dieser Gesellschaft ein Recht auf Leben, also einen Anspruch auf Behandlung hat, und zwar:

1) Weil "seine" Krankheit gesellschaftlich bedingt ist.

2) Weil die Behandlungskapazität und die ärztlichen Funktionen gesellschaftlich institutionalisiert sind.

3) Weil jeder, ob Arbeiter, Hausfrau, Rentner, Student oder Schüler durch die Sozialabgaben, die ca. 35% und mehr des ausbezahlten Nettolohns ausmachen und die zwangsweise einbehalten werden, die Einrichtungen des Gesundheitswesens bezahlt hat, bevor er sie überhaupt in Anspruch nimmt.

II. Aus dem unter I. hergeleiteten Anspruch auf Behandlung ergibt sich zwingend auch die Notwendigkeit der Patientenkontrolle

1) der Krankenversorgungseinrichtungen: Hausrecht der Patienten in den öffentlichen Krankenanstalten

2) der ärztlichen Ausbildung und Praxis durch

a) Bestimmung der Wissenschaft durch die Bedürfnisse der Kranken, d.h. der Bevölkerung als Proletariat unter der Bestimmung Krankheit – Prinzip Volksuniversität als Vergesellschaftung des Produktionsmittels Wissenschaft

b) Hausrecht und Arbeitsmöglichkeit, Kontrolle des Universitätshaushalts für Patienten in der Universität

c) Verwirklichung des Anspruchs der Patienten, das Ob und Wie ihrer Behandlung selbst zu bestimmen

3) der Art der Erhebung und Verwendung der Sozialabgaben, des Etats der Sozialversicherungen und Krankenkassen.

III. Im Arzt-Patient-Verhältnis, in der therapeutischen Situation, erfährt der Patient brennpunktartig seine totale Objektrolle und Rechtlosigkeit gegenüber den und innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen das Arzt-Patient-Verhältnis nur eines ist.

Diese Situation, dieses Verhältnis ist also der Ansatzpunkt, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse überhaupt, deren Objekt der Patient ist, bedürfnisbezogen bewußt werden zu lassen. Aus diesem bedürfnisorientierten Bewußtsein sind die notwendigen Handlungsmaximen abzuleiten: Emanzipation – Kooperation – Solidarität – Politische Identität.

3. 10 Prinzipien der SPK-Praxis

1) Ausgangspunkt unserer Arbeit sind die Bedürfnisse der Patienten.

2) Im Prozeß der wechselseitigen Selbstkontrolle der Patienten in Einzel- und Gruppenagitation werden die Bedürfnisse in ihrer Doppelrolle als Produkte und Produktivkräfte erkannt.

3) In Einzel- und Gruppenagitation wird grundsätzlich alles von den Patienten "angebotene" Material bearbeitet.

4) Durch dies Medium von Einzel- und Gruppenagitation finden die objektiven äußeren Existenzbedingungen sowohl des einzelnen Patienten als auch des Patientenkollektivs als Ganzem Eingang in die kollektive Praxis.

5) Die Bearbeitung der Einzel- und Kollektivbedürfnisse ist nur im Zusammenhang zwischen Einzelagitation, Gruppenagitation und wissenschaftlichen Arbeitskreisen (gemeinsame Erarbeitung der notwendigen Theorie) möglich.

6) Die in diesem Zusammenhang in Einzel- und Gruppenagitation objektivierten Bedürfnisse der Patienten werden in Arbeitskreisen konzentriert und verallgemeinert zum Kollektivbedürfnis als Einheit von Bedürfnis und politischer Arbeit (politische Identität).

7) Form und Inhalt der Arbeitskreise werden durch die entwickelten Bedürfnisse der Patienten bestimmt. Als bestimmende und weitertreibende Methode hat sich die Hegelsche Dialektik und die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie erwiesen.

8) Im Prozeß von Einzel-, Gruppenagitation und Arbeitskreisen werden spezielle Kenntnisse und erlernte Fähigkeiten der einzelnen Patienten, insbesondere auch der ärztlichen Funktionsträger unter ihnen, sozialisiert und das durch die unterschiedliche Erziehung und Ausbildung bedingte Bildungsgefälle im SPK abgebaut.

9) SPK-Produkte sind: Emanzipation Kooperation Solidarität Politische Identität.

10) Ziel und Etappen unserer Arbeit: die Aufhebung und die optimale Entfaltung des Einzelnen im Kollektiv; die Schaffung weiterer Kollektive an anderen Orten und die Sozialisierung der SPK- Methode in bereits bestehenden Organisationen und Gruppen (Multifokaler Expansionismus) unddie Aufhebung aller Kollektive in der Allgemeinheit der Sozialistischen Revolution.

4. Zum Prinzip "Volksuniversität"

Die Wissenschaft muß aus ihrer parasitären und lebensfeindlichen Funktion befreit werden. Wenn hundert Menschen soviel produzieren, daß hundertundeins Menschen von ihrem kollektiven Produkt leben können, dann kann man sicher sein, daß der hundertunderste Mensch "Wissenschaftler" wird. Das heißt, daß er nach "wissenschaftlichen" Prinzipien den gesellschaftlichen Produktionsprozeß der hundert Produzenten zu regeln und zu steuern versuchen wird.

Voraussetzung und Resultat der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist eine Wissenschaft, die immer neuere und raffiniertere Methoden der Regelung und Steuerung (Kybernetik) des Produktionsprozesses im Sinne der Profitmaximierung erarbeiten muß. Das heißt, lebensfeindliche Produktionsverhältnisse werden produziert. Die richtige Therapie dieser gesellschaftlichen "Entwicklung" ist der Kampf um die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, der auch ein Kampf um die kollektive Aneignung der Wissenschaft durch die Ausgebeuteten ist, also der Kampf um die kollektive Produktion gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen jeder – den kollektiven Bedürfnissen der Einzelnen entsprechend, die diese Gesellschaft ausmachen – Wissenschaftler ist, das heißt bewußter Träger gesellschaftlicher Produktionsverhältnisse.

Es genügt nicht, daß Wissenschaftler vorgeben, Wissenschaft für den Menschen zu betreiben. Sie müßten Wissenschaft für die kranken Menschen (denn andere gibt es nicht) betreiben, indem sie diese Wissenschaft in die Hände derjenigen legen, die die Wissenschaft für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse brauchen, d.h. in die Hände der Kranken. Das kann man aber den Wissenschaftlern nicht zumuten, denn zu dieser "Selbstpreisgabe"*, zu dieser Negation ihrer kapitalorientierten Funktion sind sie nicht bereit. Denn für die Kapitaleigner ist Wissenschaft ein Produktionsmittel, über das sie verfügen und weiterverfügen wollen. Deshalb bauen sie den Wissenschaftlern Elfenbeintürme (Universitäten). Und die machen ihre Wissenschaft so, daß sie nicht aus ihren Elfenbeintürmen raus müssen, ja sogar so, daß sie nicht einmal raus können – d.h. sie bauen sich ihren Elfenbeinturm selbst. Deshalb müssen die Kranken die Wissenschaft selbst in ihre eigenen Hände nehmen. Daraus folgt das Prinzip "Volksuniversität". Für die Kranken bauen die Kapitaleigner Verwahranstalten (Krankenanstalten, Heilanstalten, Gefängnisse), aus denen diese raus wollen, ja sogar raus müssen!

*"Selbstpreisgabe": wie es Schnyder und Konsorten – in Anlehnung an die Ausführungen des Frankfurter Psychiatrieprofessors Bochnik in seinem "Gutachten" über das SPK – genannt haben.  Bochnik: "Der Psychiater Ernst Kretschmer soll gesagt haben, daß wir Psychopathen in guten Zeitenbegutachten, während sie uns in schlechten Zeiten beherrschen. Soll man sich schlechte Zeiten wünschen?" (SPK-Dokumentation I, S. 82/83)

5. Das SPK als Volksuniversität

1) Wir haben nicht die "Reifeprüfung" und den Geldbeutel zum Kriterium der Aufnahme ins SPK gemacht, sondern die Bedürfnisse.

2) Im Gegensatz zur Universität, die nach dem Hochschulgesetz von Baden-Württemberg Studenten, die aus irgendwelchen Gründen von irgendwelchen Leuten für "krank" gehalten werden, nicht aufnimmt bzw. von der Universität entfernt, sind wir davon ausgegangen, daß alle krank sind, und haben uns für diejenigen, die das, insbesondere am eigenen Leib, begriffen haben, für zuständig erklärt.

3) Statt der Akkumulation von verwertbarem Wissen und Können des Einzelnen durch und für das Kapital ging es uns um die Sozialisierung aller wissenschaftlichen Erkenntnisse und Methoden, die für die Bedürfnisse der kranken Bevölkerung notwendig sind.

4) Der Verselbständigung und Entfremdung der Wissenschaft von den praktischen Bedürfnissen der Kranken haben wir die Wissenschaft im Dienste der praktizierten Kritik der durch die gesellschaftlichen Verhältnisse Betroffenen entgegengestellt.

5) Statt Freiheit von Forschung und Lehre zu proklamieren (Freiheit wovon und für wen?), haben wir kollektiv für die Befreiung der Menschen von den gesellschaftlichen Zwängen gelernt und geforscht.

6) Statt Konkurrenzprinzip (Prüfungen) und Fremdbestimmung (durch die Profit- und Akkumulationsbedürfnisse des Kapitals) haben wir kollektive Praxis und kollektive Selbstbestimmung zur Richtschnur unserer wissenschaftlichen Arbeit gemacht.

Der Kultusminister von Baden-Württemberg (mit Erlaß vom 18.9.1970) und der Senat der Universität Heidelberg (mit Beschluß vom 24.11.1970) haben es, trotz drei positiver Gutachten anerkannter Wissenschaftler, die im Auftrag des Rektorats und des Verwaltungsrats gutachteten*, abgelehnt, den im SPK organisierten Patienten die ihnen zustehende materielle Basis ihrer wissenschaftlichen Arbeit im Rahmen der Universität einzuräumen:

*siehe SPK-Dokumentation I – Gutachten von Dr. med. D. Spazier, Heidelberg; Prof. Dr. P. Brückner, Hannover; Prof. Dr. H. E. Richter.

**Vernichtungsfeldzüge gegen Sachen durch eingebauten Verschleiß, direkte Warenvernichtung, permanentes Modever-alten und Vernichtungskriege gegen alles Menschliche und durch Pervertierung der menschlich-produktiven Lebensenergien zu total funktionalisierter entfremdeter Arbeit und gierigem Konsumieren im Übermaß mittels der gewaltsamen Aufrechterhaltung dieser Produktionsverhältnisse, damit die Kasse stimmt – das macht den Imperialismus nach innen aus (Krankheit).

***siehe z.B. die Argumentation des Dekans Leferenz (Juristische Fakultät der Universität Heidelberg) in der Senatssitzung am 24.11.1970, in der er die "zuständigen Organe" der Universität aufgefordert hat, den Senatsbeschluß, daß das SPK keine Universitätseinrichtung werden könne, sofort "mit allen staatlichen Mitteln" – sprich: Polizeigewalt – auszuführen.