Zahlen und Überzählige
Der folgende Text entzieht aller Wissenschaft samt Technologie jede Grundlage und Gültigkeit auf Nimmerwiedersehen. Er eröffnet dem auf Krankheit gegründeten und dadurch beliebig steigerbaren Bewußtsein erstmals den Blick auf eine nie gesehene, allen gemeinsame Welt, den Blick auf die noch nie so gesehene Möglichkeit einer allen gemeinsamen Welt. Es handelt sich nicht nur um die Achse, den ruhenden Pol und Rechtfertigungsgrund, um die sich alle unsere Veröffentlichungen drehen, sondern alle künftigen, einschließlich revolutionären Veränderungen haben darin den unverrückbaren Maßstab ihrer Zielsetzung.
Dies sollte wissen, wer das liest. Wir
selbst haben es aufgeschrieben, damit wir es nicht vergessen.
"Wer das Gesundheitswesen beherrscht,
beherrscht die Bevölkerung." Wer also herrscht Lenin zufolge? Die
Ärzteschaft. Die Ärzteschaft ist es, von der alle politische
Macht ausgeht. Wer dieses Lenin-Zitat bringt, der ist gewöhnlich Arzt
und argumentiert gegen "den Kommunismus" und für "das Wohl seiner
Patienten". Fest steht hingegen, daß weder Lenin noch sonst wer je
die Ärzte beherrschte, geschweige denn das Gesundheitswesen. Es sei
denn die Bevölkerung. Und auch diese nur im Kielwasser der Ärzteschaft.
Lenins letztes Gefecht nach Jahrzehntennächten Schlaflosigkeit gipfelte
in Boykottdrohungen gegen seine wohlmeinenden Hausärzte. Mehr nicht.
Aber wer kann uns daran hindern, schon heute eben darin seine erste und
einzige von Grund auf revolutionäre Tat zu sehen?
Stalin, zunächst eifernder mosaischer
Gottarzt ("... denn ich bin der HERR, dein Arzt", 2. Mose 15, 26), hatte
in jahrzehntelanger Kleinarbeit durch Stalinisten jeder Preisklasse alle
möglichen Leute als Krankheitsträger definieren und liquidieren
lassen. Denn Krankheit, ansteckend wie sie nun einmal sei, fordere geschwindeste
und gesundeste Heilung. Und Heilung fordere eben Opfer. Viele und höchste.
Als er aber um 1950 einen seiner berüchtigten Entlastungsangriffe
in eigener Sache gegen die "kosmopolitischen Mörder in den Ärztekitteln"
(sog. Ärzteaffaire) startete, scheiterte er so gründlich und
endgültig wie nie zuvor.
Gute drei Jahre habe er alles nur Erdenkliche
für seine Gesundheit getan und seine politischen Patiencen so eifrig
gelegt, wie eh und je. Aber dennoch sei er lange vor der Zeit gestorben.
Von Menschenhand, läßt mancher
Chronist durchblicken.
Iatrophil diskret -, versteht sich!
Das Gesundheitswesen als politische Herrschaft in ihrer Absolutheit attackiert zu haben, dieses Verdienst schreiben wir Lenin zu. Hingegen durfte Stalin den Gesundheitsapparat nur solange verkörpern, als ihm die Ärzte eben diesen Körper ließen. Später haben sie ihn dann nur noch in Form der SERBSKY-Kliniken eingesetzt. Das auch dort sogenannte Haloperidol soll genau so gesundheitspolitisch schmecken, der Krebs genau so rückwärts machen, wie in vergleichbaren Einrichtungen andernorts.
Anders als Stalin brauchte Hitler nicht selbst gesundheitspolitisch aktiv zu werden. Kaum im Sattel, überließen ihn seine internationalen ärztlichen Steigbügelhalter seinem geliebten Kriegshandwerk, ihrem altangestammten Zuliefererbetrieb. Ihrerseits wandten sie sich gemächlich und unbehelligt, privatissime und nicht selten sogar gratis der Alleinherrschaft erst über Patient und Geschlecht, dann über Bevölkerung und Diktator zu. Das brachte sie ihrem Ziel, das tausendjährige Gesundheitswesen krisenfest und umsturzsicher in Bevölkerung und Politik unbegrenzt ausbaufähig zu verankern, ein gut Stück näher. Trotz aller Nürnberger- und Russeltribunale.
Die Norm aus Gesundheit, archaischem Gläubiger-Schuldnerverhältnis
und Geldform kann politisch, ökonomisch und ideologisch, ethnisch,
historisch und gesellschaftlich modifiziert sein, wie immer sie will. Sie
als solche mittels Zwangsanpassung jedem Hirn, Herz und Hormonhaushalt
und sei es durch Tötung einzukerben und demnächst durch Fabrikation
des Menschen-nach-Maß, ist und bleibt gleichermaßen offenbare,
wie bestgehütet-geheime Arztschöpfung. Und zwar von Biologie
bis Faktor Psy.
Der Angriff gegen alles Ärztliche
ist die conditio sine qua non aller Subversion und die via regia zum Unbewußten
aus Gesundheit und Geld. Handelnd-behandelt liegt es auf der Hand. Aber
die Pathopraktik schlägt es in den Wind.
Jedermann, der Münzen in der Tasche
trägt und ihren praktischen Gebrauch versteht, muß ganz bestimmte
begriffliche Abstraktionen im Kopf haben, mag er sich dessen bewußt
sein oder nicht, denn er behandelt diese Münzen faktisch, als ob sie
eine unveränderliche materielle Realität hätten. Die Abstraktionen,
die es nirgends als im Denken gibt, haben ihren Ur-sprung nicht in der
Denk-Tätigkeit, sondern ausschließlich in der geldvermittelten
Tauschhandlung. Sie sehen eher nach ärztlicher Praxis als nach
Pathopraktik aus.
Daß die reinen Verstandesbegriffe
nicht etwa das Denken zum Subjekt haben, sondern irgendwie von "Außen"
kommen, ist durchgängiges Leitthema abendländischer Philosophiegeschichte:
Parmenides empfing die Erleuchtung des Begriffs, der ihm das Sein bedeutet,
von Dike, der Göttin des Rechts und der Wahrheit; Platon wußte
sich nicht anders zu helfen und schreibt die Begriffe einer Wiedererinnerung
zu, auf Grund einer Seelenwanderung (Metempsychose); für Kant nehmen
die Grundanschauungsformen und die Kategorien die Gestalt einer aller Erfahrung
vorausgehenden Vorformung an.
Die in der Tauschhandlung stattfindende
Gleichsetzung des Warenbesitzers mit einer bestimmten Anzahl von Geldeinheiten
macht die "göttliche Kraft" (K. Marx) des Geldes aus: das Geld wird
zur wirklichen Macht über alles und jeden - "es ist die wahre Scheidemünze,
wie das wahre Bindungsmittel, die galvanochemische Kraft der Gesellschaft"
(K. Marx). Das, was durch das Geld für den Warenbesitzer ist, was
er für sein Geld kaufen kann, das ist er selber: die vorgestellte
Anzahl von Geldeinheiten steht für die Person (persona = Maske, von
personare = hindurchtönen). Was da tönt ist nicht die Kraft der
Krankheit, sondern das unbewußt verrückte, vielgestaltig verstärkte
Echo des Geldbetriebs.
Im Tauschverhältnis ist das Produkt
des einen die Waffe zur Bemächtigung des Produkts des andern, Strategem
der berühmt-berüchtigten Befriedung.
Befriedigung nämlich wäre
die wunschlos revolutionäre Erfüllung in der Krankheit. Der Wert
aber, Verhältnis der Wechselseitigkeit zwischen Warenbesitzern, ist
zu neun Zehnteln auf "Gesundheit" bezogen, den inflationären Wert
aller Werte. Gesundheit ist das wunschgebremste allgegenwärtige Verschwinden.
Wunschinhalt ist - verwünscht! - die Krankheit. Gesundheit bleibt
der FEHLER schlechthin, der Phallus, der (klinische) Fall, die ärztliche
Falle. Indessen aber schauen die Warenbesitzer ihr jeweils eigenes Produkt
als die Macht über den andern und über sich selbst an,
d.h. ihr eigenes Produkt hat sich auf die Hinterfüße gegen sie
gestellt (auch nach K. Marx). Am Ende aber zählt nur die Gesundheit
-, der ärztliche Takt wird auch dem gläubigsten Ohr zu dem, was
er schon immer war: zum todsicheren count-down.
Am labilen Punkt des Umschlagens nämlich von Produktion in Destruktion schiebt sich der Befriedungsstratege aller Politik, Heils-Bringer aller Herrschaft als "göttlicher Arzt" (Kerényi) ins pathopraktische Blickfeld. Ob als Medizinmann, Schamane, Priester- oder sonstiger Sterbensfacharzt, stets waren und sind sie zur Stelle, wenn es darum geht, Widerstand als Befreiung von und Entfesselung der Krankheit gegen gesellschaftlich potenzierte Naturgewalt zu verfälschen, umzulügen und zu usurpieren. - Der "Andere", der das Ziel der revolutionären Erfüllung aus der Krankheit amputiert, um dem eigenen Überzähligsein zu entgehen, ist Iatrokrat. Im Namen der "Gesundheit". Er bildet die Matrix jeder Wunschpolitik und Profitökonomie. Und sie wissen, was sie tun.
So mußten zu entlassende "Irre" in der Mitte des 18. Jahrhunderts folgenden Revers (= Rückseite der Münze, schriftliche Verpflichtung) unterschreiben: "Ich Endes Unterschriebener reversiere mich hierdurch ... bey dem Worte der ewigen Wahrheit, so wahr mir nemlich Gott zur Seeligkeit verhelffen soll, daß ich mich nach erhaltener Befreyung vom bisherigen Arrest an niemand rächen wolle."
Seinem Wert angeglichen (Opfersteuern früher, Sozialabgaben und das Wertpapier Krankenschein heute) ist der Kranke überantwortet und ausgeliefert. Dem Kunstprodukt Gesundheitsmodell, diesem Arztprodukt und Artefakt schlechthin. So will es die Heilsgewalt (Iatrarchie): "Die Ärzte lernen auf unsere Gefahr, sie experimentieren und töten mit souveräner Straffreiheit, tatsächlich ist der Arzt der einzige, der töten darf". Dieser von Plinius Secundus vor tausendneunhundert Jahren niedergeschriebene Sachverhalt, zu dessen Totschweigern in neuerer Zeit unseres Wissens nur Blüchel und Illich noch nicht wieder gehören, dieser Sachverhalt also mit seit arch(e)aischen Zeiten tödlichem Ausgang (der alexandrinische Anatom Herophilos vivisezierte zum Tode verurteilte Verbrecher und Sklaven), zeigt nicht nur an, daß die Ärzteklasse ihr mordmonopolistisches Kriegshandwerk nur unter dem Beifall der Mehrzahl ausüben kann. Ist doch in der Welt des Mangels jeder der Andere, der Gegen-Mensch.
Aber erst der entwickelte soziale und demokratische Wohlfahrtsstaat wird sich vollends als eigentliche Domäne der Ärzteherrschaft entpuppen. Jede Demokratie ist letztlich Iatrodemokratie, zur Volksherrschaft erhobenes medizinisches Mordmonopol. Immer herrscht das Gesunde. Und das gesunde Volksempfinden ist ebenso geschwind - wie gesund.
Der schon Plinius Secundus geläufige Sachverhalt gibt auch darüber Aufschluß, daß der Arzt nicht nur die unveräußerliche Substanz der Ware Arbeitskraft, den Leib katastrisiert, sondern ebenso Denken und Gefühl generalstabsmäßig viviseziert und kartographiert.
Die "Geldseele, die in allen Gliedern der Produktionen und Bewegungen der bürgerlichen Gesellschaft steckt" (K. Marx), gibt sich somit vor allen andern Dingen als heilsgewaltig (iatrarchisch) programmiert zu erkennen. Nicht der Patient ist kybernetisch, sondern der Arzt vermittels der Geldseele.
Ungeniert und mit geradezu kapitalem Zynismus stellt die Ärzteklasse ihren Omnipotenzanspruch schon im Antiken Asklepioskult als Staatskult Nr. 1 zur Schau, setzt sie ihre gesellschaftlich-synthetische Steuerungs- und Direktionsfunktion in Umlauf: jedem Geldstück läßt sie - Wunderwerk präventiven Terrors - ihr Kainszeichen, den Äskulapstab einschmelzen. Entstehung und Funktion des Kainszeichens sind bekannt: "... daß keiner ihn erschlüge, der ihn anträfe" (1. Mose 4, 15). Heute bastelt sie, verschanzt hinter Sicherheitsstufe IV in biotechnischen Labors, am genetischen Code herum. Wer die Ärzte stört, riskiert sogar die kosmische Katastrophe.
Die gesellschaftlich-synthetische Funktion
des Geldes (Sohn-Rethel*) ist also Mimikry und Folgeerscheinung
zu derjenigen des Arztes: um sich vor Krankheit zu schützen, die der
Arzt als Überzähligkeit konstatiert, geht man zu demselben und
bezahlt in barer Münze (Geschenke, Opfersteuern, Sozialabgaben). Wenn
K. Marx die Entstehung des "theoretischen Subjekts" (Seele, Psyche, Subjektivität)
in der ökonomischen Ablösung der Geldfunktion vom Geldmaterial
lokalisiert und damit in der Gleichsetzung des Menschen mit dem Geld, so
ist dies nur die eine Seite, nämlich die ökonomische. Die andere
Seite, nämlich das gesellschaftspolitisch primär treibende und
letztlich ausschlaggebende Moment wurzelt in der Gleichsetzung des Menschen
mit medizynisch bedeuteter "Gesundheit", also in der iatrokratisch bestimmten
Andersheit. Rassismus ist der gern gebrauchte Tarnname dieser Andersheit,
mit dem sich der Arzt achselzuckend aus der Affäre zieht, mit dem
der "politisch gebildete Mensch" das mordmonopolistische Wirken des Guten
Onkel Doktor deckt. Jeder Rassismus ist Iatrorassismus.
* Alfred Sohn-Rethel hat als Erster und Einziger das Ungenügen der marxistischen Theorie in Bezug auf die Naturwissenschaften behoben (‚Körperliche und geistige Arbeit‘). Er hat noch zu Lebzeiten (14.12.1985) unsere krankheitsbezügliche Anwendung seiner entdecke-rischen Erkenntnisse in allen Teilen als korrekt und zutreffend bestätigt. In einer 1998 in Österreich verbreiteten Schrift des SPK sind die in dem vorliegenden Text ausgearbeiteten Zusammenhänge exemplarisch aufgegriffen. Es wird dabei jedem Versuch einer sog. Vergangenheitsbewältigung mit den Mitteln des üblichen Wissenschaftsbetriebs ein- für allemal Einhalt geboten (vgl. Colectivo Socialista de Pacientes / Frente de Pacientes, SPK/PF(H) y EMF español: ¡Fortísimo por la enfermedad!, S. 18ff, vgl. auch PATIENTENSTIMME Nr. 4/5: Gegen alle Wissenschaft). Huber
Beide Seiten sind in der sie verbindenden
Mitte des herrschenden Krankheits"Begriffs" gar wundersam versöhnt:
"Krankheit ... ist ein regelwidriger Körper- oder Geisteszustand,
dessen Eintritt entweder die Notwendigkeit einer Heilbehandlung - allein
oder in Verbindung mit Arbeitsunfähigkeit - oder Arbeitsunfähigkeit
zur Folge hat" (Preußisches Oberverwaltungsgericht vom 10. Oktober
1889, bestätigt in einem Urteil des Bundessozialgerichts vom 16. Mai
1972).
Die Ärzteschaft, zieht man sie versuchsweise einmal als die unproduktive Klasse schlechthin in Betracht, sucht ihrer eigenen Vernichtung dadurch zu entgehen, daß sie die "unproduktiven" Überzähligen (Rassenhygiene, unwertes Leben) definiert, selektiert und verwaltet. In einem von den Ärzten über und hinter Hitler 1940 eingebrachten Gesetzesentwurf zur Lebensvernichtung hoben sie als Hauptkriterium die "Fähigkeit zu produktiver Arbeit" hervor. Und den Rest, der froh ist, nochmal davongekommen zu sein, hält sie durch die Hoffnung auf "ärztlichen Beistand", durch vorgegaukelten "therapeutischen Idealismus" bei der Stange (schon der SS-Führer Heinrich Himmler schwärmte gern und oft davon). Stange steht hier für Gesundheit, Wert, Wunsch, Phallus, Fall, Falle, kurz: für Fehler überhaupt.
Dergleichen muß übrigens schon dem alten Skeptiker Descartes vorgeschwebt haben, als er, "berufsverboten" und politisch zensiert, gerade die ärztliche Kunst als Allheilmittel über jeden grünen Klee hinaus pries und so tat, als setze er gerade in sie allein seine ganze Hoffnung auf eine künftige Veredelung des Menschengeschlechts.
Die kapitalistische Ausprägung des ärztlich gesteuerten Imperialismus nach Innen, der sich Heloten (gr.: heilotes = Gefangene, Staatssklaven im antiken Sparta) im eigenen Land schafft und diese medizinisch definiert, trat auf deutschem Boden erstmals ein knappes Jahrhundert zuvor in Erscheinung: die Iatrokratie als "medicinische Polizey" (Rau, Baldinger, Frank) erklärte sich schon damals nicht nur für die "innere Sicherheit des Staates" zuständig (J.P. Frank), sondern mehr noch für den vom damaligen Kameralismus neu- und wiederentdeckten Faktor "menschliche Arbeitskraft". - Moderne "Gesundheitspolitik" und Programme der "Gesunderhaltung der Bevölkerung" haben hier ihren ebenso ärztlichen wie heilsgewaltigen Ausgangspunkt.
Weil es auf der Hand liegt, geht es schwer
in die Köpfe, daß Gesundheit der erste und letzte Rechtfertigungsgrund
aller Heilsgewalt ist, jenseits und über Ideologie und Kultur, Produktion
und Politik.
Kristallisationspunkt im regulativen System
der Zwecke (KANT), reine Nützlichkeit und absolute Freiheit im System
der Zerrissenheit aus Geld und Sprache, dem System des plattesten, kältesten
Todes (HEGEL), braucht die Heilsgewalt weder ideologische noch sonstige
Katalysatoren, um aus der unterschwelligen Latenz des ärztlichen Mordmonopols
in die Virulenz der Massenvernichtung umzuschlagen. Denn für die Gesundheit
tun sie alles, Volk und Knecht und Überwinder ...
Wenn es der Gesundheit nützt, dürfen
Ärzte ihre Gefangenen zu Tod begnadigen. Als zu skalpierende Kinder
(Auschwitz) und als verächtlich zu machende Selbstgemordete (alles
Aktion Gnadentod).
Wenn es der Gesundheit nützt, stehen
Millionen als Versuchskarnickel bereit bis die Soll-Ziffer stimmt, und
jeder, den es "zufällig" trifft, denkt als erstes an seine Gesundheit,
an das warme Leben, an sein Image und fragt: "Warum gerade ich?". Und wieder
an seine Gesundheit, wenn er still beschließt: "Stirb du heute, ich
aber erst morgen". Weisheiten aus dem GULAG. Doch welcher östliche,
welcher westliche Dissident praktiziert schon vom Start weg Gesundheitsverachtung?
Weil es der Gesundheit nützt, gibt es die neue Euthanasiekampagne. Quer durch alle Medien, politische Richtungen, Altersgruppen, Bevölkerungs- und sonstige Klassen hindurch reicht das Engagement in pro und contra. Denn welcher sozialpolitische Arbeitskreis, und sei er noch so links, steht nicht fest auf dem Boden der Gesundheit? Hat doch H. MARCUSE jeden Linken schon 1968 sozialprophylaktisch unter Acht und Bann gestellt, für den Fall, er wage es, sich einer Verbesserung des Gesundheitswesens zu widersetzen. Nur die ärztlichen Drahtzieher, exemplarisch diejenigen in den Reformkliniken, in den Gesellschaften für geistige Gesundheit (WFMH) und Sozialpsychiatrie wollen im Hintergrund bleiben. Wenn die Gesundheit sagen, dann meinen sie medizynische Masseneuthanasie aus Zweckmäßigkeit. Mit maschinenmäßiger Präzision nämlich, wie wir gleich noch sehen werden, ist bei denen jeder Irrtum ausgeschlossen.
Denn Gesundheit ist, folgt man der "Logik des Lebens" wie sie FRANCOIS JAKOB für gewisse rhizomatisch-molekularrevolutionäre Kreise reflektiert, Produkt der Rechenmaschine aus Proteinen und Genen. Diese Rechenmaschinengesundheit kann das genetische Morsealphabet lesen. Und sie kann zählen. Natürlich nur bis zwei. Und dabei soll es denn auch bleiben. Denn wo sie irrt, ist Irrtum. Krankheit ein Irrtum innerhalb der genetischen Informatik! Mehr nicht. Dieser Maschine zufolge gehört es nun aber zum genetisch verankerten Gesundheitsprogramm, daß jeder Irrtum seine Beseitigung wünscht, jeder Gesundheitsmuffel folglich seine Auslöschung. Gesundheit fällt nun nicht mehr unter die höheren Werte, nach denen die spaßeshalber aufgesetzte kranke Optik mit Nietzsche, Nietzsche-Epigonen und allem drum und dran ihre Ausschau hält. Gesundheit ist nun Rechenmaschine alles wünschbar Toten, Rechenmaschine aller Todeswünsche, kurz: Wunschmaschine schlechthin.
Dieser Text wurde in Italien erstmals in der italienischen Zeitschrift CONTROinformazione Nr. 18 (Juni 1980), Mailand, veröffentlicht.
Ein detaillierter Rechenschaftsbericht über den Verdiglione-Kongreß erschien in L'ESPRESSO unter dem Titel: "Der schizophrene Revolver" (Februar 1978). Besagter Revolver wurde uns zugeschrieben. Dies in der Absicht, unseren auf dem Kongreß gehaltenen aufrüttelnden Vortrag "Zahlen und Überzählige" (siehe vorstehend) totzuschweigen. Die "Schizophrenie" ist kein Revolver. "Schizophrenie" ist eine Sache, ein Revolver (Rückwälzer) eine andere. Denn wo die Schrift es ist, die das Sterben verewigt (A. Verdiglione), da muß "Schizophrenie" beim Versuch, Patienten und Krankheit totzuschweigen, federführend gewesen sein, ebenfalls nach Verdiglione, auch bezüglich L'ESPRESSO. Unser Thema "Zahlen und Überzählige" hat 1978 dem Kongreßdirektorium um A. Verdiglione, damals noch Craxi-Anhänger, später verurteilt wegen einer Denunziationskampagne aus Geldfutterneid, angezettelt durch Basaglia-Kommunisten mit und ohne Schizophrenie-Revolver, ganz und gar nicht in die politische Kongreßlandschaft gepaßt. Dies die Begründung dafür, daß unser Kongreßvortrag "Zahlen und Überzählige" nicht in seinen Kongreßberichten veröffentlicht worden sei. Er wolle sich des Themas in einem eigenen Vortrag annehmen, hat er nachgeschoben. Ob dieser Vortrag je gehalten worden ist, und ob er ihn auch schriftlich vorgelegt hat, davon könnte sich der geneigte Leser selbst überzeugen, würde er fündiger als wir.