Entfremdung
Auch in diesem Buch gebrauchen wir oft den Ausdruck Entfremdung. Deshalb
hierzu noch einige Anmerkungen.
Bezüglich Entfremdung ist Karl Marx vielleicht der schlechtere
Hegelianer bzw. Marxianer, wenn er sagt: das Gesellschaftliche, gemeint
ist: der Zustand der Gesamtgesellschaft, soll dem Menschen sein erstes,
wichtigstes, natürlichstes und selbstverständlichstes Interesse
werden (oft verkürzt zu: Vermenschlichung der Natur, Naturalisierung
des Menschen). Demgegenüber Hegel: das erste und unverzichtbare Objekt
des Menschen ist das Bewußtsein, das heißt: der Mensch selbst.
Die Natur kommt als Krankheit wieder heraus, eine entstellte, aber
vermenschliche
Natur, wenn die Entfremdung, erstes Moment des Krankheitsbegriffs, - -:
scheitert.
Die Entfremdung findet ihre einzig mögliche Erfüllung in
der menschlichen Gattung, die zu machen ist, durch uns und alle,
oder die Entfremdung verkehrt sich in einen Rückfall, mit dem Namen
z.B. Ökologie (= Teil des „alternativen“ Iatrokapitalismus).
Bei uns ist die Entfremdung folglich etwas anderes als bei Marx, welcher
die Entfremdung als etwas Lobenswertes schätzte mit Bezug auf den
Produktionsprozeß. Er kritisierte sogar, daß diese Entfremdung
nicht vollständig genug war; er betrachtete sie als Katalysator, der
die Formen der gesellschaftlichen Organisation ändert. Ein Wechsel
auf die Zukunft. (Marx unterscheidet vier Arten der Entfremdung des Arbeiters:
die Entfremdung vom Produktionsprozeß, die Entfremdung von den Produkten
des Produktionsprozesses (Waren), die Entfremdung von sich selbst (Ware),
die Entfremdung von den anderen Arbeitern (Waren)).
Bei uns ist Entfremdung auch etwas anderes als bei Hegel, der die Entfremdung
betrachtete als den reversiblen, rückgängig zu machenden Teil
der Entäußerung des Geistes (= Mensch, subjektiver, objektiver,
absoluter Mensch), wogegen die Entäußerung des Geistes als solche
irreversibel ist, nicht wieder rückgängig zu machen also, in
der Natur, in der Geschichte und in der Gesellschaft. In der Konsequenz
ist die Entfremdung im Sinn von Hegel Grund und Möglichkeit für
einzelne „Individuen“, zumindest die Entfremdung in der philosophischen
Selbstreflexion abzuschütteln, und sei es für einen einzigen
Moment (nous, Nu).
Ebensowenig war unser Thema die Erlösung (Christi) von der Sünde
(Adam), welch letztere die Entfremdung gegenüber Gott ist (falsche
Götter in jenen fernen Zeiten, Waren in unserer Epoche, kurz: Fetischismus).
Entfremdung war und ist für uns die Krankheit, die als solche,
abzüglich irgendwelcher Einwirkung von wem auch immer, aus sich selbst
heraus jedes Mal entweder zuviel Entfremdung oder zuwenig Entfremdung ist,
zugleich aber durch die Kraft aus der Krankheit immer und sofort und überall
Aktivität,
als Lösung und als Befreiung, weil und insofern sie Materie der Pathopraktik
ist. Die Frage nach der Entfremdung ist keine Frage, ebensowenig wie die
Krankheit eine Frage ist, sondern etwas, worüber sich zu streiten
ist für Krankheit, ein Streit, der alles in Frage stellt und in der
Frage bleibt.
Die traditionellen Antworten zum Thema Entfremdung sind keineswegs
falsch. Dennoch oder nichtsdestoweniger sind sie falsch, weil alles von
der Krankheit abhängt, weil jede Sache ihre jeweilige Vollständigkeit
nur in Verbindung mit Krankheit findet oder überhaupt nicht. Ist die
Entfremdung erst und in erster Linie pathopraktisch als Krankheit aufgegriffen,
hat dies mit der Krankheit auch die Entfremdung, auch als Wort, befreit
und dispensiert von jeder terminologischen Observanz.
Kurz: Die Ebene ist nicht mehr eine therapeutisch-theologisch-eschatologische
Ebene, auch keine marxistische Ebene, die sich auf eine künftige Gesellschaft
bezieht, ebensowenig eine Ebene der lediglich blanquistisch-sozialrevolutionären
Aktualisierung oder der philosophischen Aktualisierung (hegelianisch),
sondern es ist die Ebene von Kollektiven in wilder und wütender Freude
mit der Krankheit, das heißt hier: in drängender und dringlicher
Beziehung zwischen den Einzelkrankheiten und der menschlichen Gattung (=
allgemeine und gemeinsame Krankheit).
Diese Bemerkung richtet sich nur an diejenigen, die ein spezielles
Interesse daran haben, ihre Studien über Entfremdung fortzuführen.
Wir verbinden damit außerdem unseren Dank an Jean-Paul Sartre, der
zu seinen Zeiten (vgl. Vorwort zu „SPK - Aus der Krankheit eine Waffe
machen, April 1972) die Bedeutung und den Umkreis des Themas Entfremdung
mehr als nur geahnt hat.
Diapathik
(früher z.B. Theorie genannt)
Was ist ein Problem? Längst
nicht alles,
sondern: wo zu einem Was das
Wie fehlt.
Lösung: universaliendeduktionistische
Konstruktionsmethode
(unveröffentlicht, mal
abgesehen von den Außenwirkungen
seit SPK/PF(H). Öffentlicher
geht’s nicht mehr).
Wirkungsintensität = Quantität x Qualität,