Aus der Krankheit eine Waffe gemacht

 

PF/SPK(H)
KRANKHEIT IM RECHT
PATHOPRAKTIK MIT JURISTEN
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Mannheim, den 19.07.1996

 

geld.beat.synthetik. Abwerten bio/technologischer Annahmen S. 22
gestern morgen erhalten

 

 Für Ihre unübliche Nachrede allerbesten Dank. Aber "Versuch", wie das? "Eine Art Widerstand" wir? Die Feindseite, die von uns angegriffenen und durch uns abgeräumten Jacker und Staatsanwälte querbeet und nicht nur in den Klapsen bis hin zu den patienten­feindlichen AutorInnen - ja, auch solche gibts - haben Krankheit Waffe zu spüren bekommen, zur Freude "ihrer" Patienten und viele Erleichterungen für letztere folgten im Ganzen und im Einzelnen meist unmittelbar. Sowas verändert ganz schön, und nicht nur die literarische Sicht der Dinge.

Ihnen selbst mögen "Versuch" und "Widerstand" auch weiterhin unbenommen bleiben. Aber so ganz fundamental ist weniger davon in der Einbildung, mehr in der Sache.

Wie Sie schreiben, wollen Sie ja nur kritisieren, noch dazu in politisch dürftiger Zeit ("politisch arbeitende Gruppen". "Auch in den Parlamenten wird der Spielraum gegen die wissenschaftlichen Experten immer enger". Frei zitiert, weil mir das aus dem nämlichen Buch noch so irgendwo im Gedächtnis rumhängt.). Beachtlich klug und fleißarbeiterisch liest sich das, kaum zu übersehen die kluge Zurückhaltung und vornehme Distanz, wenn es an dem mal so ist (bekämen auch wir noch immer allemal noch hin; wenn es denn bei gescheit/gescheut, political correctness neuerdings, für alle, aber auch wirklich für alle, sein angemessenes Bewenden hätte).

Und zu diesem Ihrem Text über uns rufen wir denn Sie das nächste Mal als Zeugen direkt hierher, wenn der nächste Krebskranke mit taufrischer Diagnose bei uns erscheint, bevor er, wie die beiden letzten, wegen der schmerzlosen, milden, "gezielten" Strahlentherapie aus allen Knopflöchern blutend, Kehlkopf eingeschmolzen, "Blutungsquelle unauffindbar", elend verreckt ist, zuvor "geheilt entlassen", "Wiedervorstellung in 1 Jahr". Mit Ihrem Text vor Augen, trifft er (es war übrigens eine Frau und Mutter), treffen Sie an seiner Stelle, bestimmt keine pro-Krankheit-Entscheidung. Vielmehr wurde die richtigere Entscheidung dann ja allem, auch Ihnen, voraus auf eigenen Füßen getroffen, ja, nicht am Computer per "Tokyo-Reise" (Ihre Worte), auf der Stelle - Sie sind mit von der Partie - gentechnologisch fluchtartig zurückgenommen, die Jackerklasse eben nicht auf Null-Diät gesetzt, der Krebs schon gar nicht auch nur "versuchsweise" und in Form einer "Art Widerstand" z.B. ausge­hungert, geschweige denn auch nur sonst irgendwas klargestellt. Ja, die Hungerkrankheit kann auch die Krebskrankheit überwinden. Eine Chance zumindest und der garantiert für alle Beteiligten schönere Krebstod, gegenüber dem strahleninduzierten viehischen Einzelverenden, blutend aus allen Knopflöchern, wie schon ange­merkt. Können Sie sich das vorstellen? Ja, auch Einbildung ist immer gefragt, immer wichtig, nur eben nicht irgendeine "Art" Ein­bildung. Kurz, Ihr Text über uns ist Selbstbestrahlung, zumindest Retroprojektion, erstmal noch, Sie selbst mit sich sozusagen im Monolog - wie weise, wie nützlich diese noch dazu Verhältnisse-relative Selbstbescheidung für Sie -, wie in Ihrem Buch andernorts zu lesen steht. Blutzeugen auch Sie selbst dann späterhin, Blutzeugen mal ganz anders. Das werte auf oder ab, wer kann. Glücklich, wer auch nur die alte Frankfurter Rede vom Wert-Ding noch nie kapiert hat (Kein Zweifel, auch in der Aufmachung ein schönes Buch). Aber auch: felixior qui potuit rerum cognoscere causas.

 

Bitte, wenn möglich, kein weiterer Schriftwechsel. Persönlich sind wir uns sowieso total einig, nur eben nicht in der Sache. Wir wissen uns auch weiterhin gut und gern selbst und allein zu be­helfen.

 Aus Krankheit Stark!